Über 90 Prozent aller Truppen für den Kolonialkrieg liefen von hier aus
Zwischen Januar 1904 und Mai 1907 wurden vom Baakenhafen mehr als 18.000 Soldaten und über 11.000 Pferde nach Namibia verschifft.
Kolonialgeschichte des Ortes
Hamburg war über Jahrhunderte „Tor zur Welt“ – und damit auch „Tor zur kolonialen Welt“. Der Baakenhafen spielte darin eine Schlüsselrolle: Der 1,2 Kilometer lange Petersenkai war über Jahrzehnte an die Woermann-Linie verpachtet, das führende deutsche Kolonialhandelsunternehmen.
Als das Deutsche Reich 1904 den Krieg gegen die Herero begann – im selben Jahr griff der Krieg auch auf die Nama über –, wurde der Baakenhafen zur logistischen Drehscheibe: Zwischen Januar 1904 und Mai 1907 wurden von hier über 90 Prozent aller Truppen für den Kolonialkrieg verschifft, insgesamt mehr als 18.000 Soldaten und über 11.000 Pferde.
Diese Abfahrten waren keine stillen Verladungen, sondern öffentliche Ereignisse: Am Kai versammelten sich hunderte Schaulustige, Militärkapellen spielten auf, hochrangige Offiziere hielten Reden, und die Menge stimmte beim Auslaufen der Schiffe patriotische Lieder an. Für die Woermann-Linie war der Krieg zudem ein einträgliches Geschäft – unter anderem, weil sie ab 1905 auch Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit im besetzten Namibia einsetzte, unter Bedingungen, die zu einer deutlich erhöhten Sterblichkeit unter den Zwangsarbeiter:innen führten.
Was die von Hamburg aus verschifften Truppen in Namibia anrichteten, war ein Vernichtungskrieg. Nach der entscheidenden Schlacht am Waterberg im August 1904 flohen tausende Herero in die wasserlose Omaheke-Wüste; deutsche Truppen besetzten die wenigen Wasserstellen, sodass viele verdursteten. Am 2. Oktober 1904 erließ der Befehlshaber der „Schutztruppe“, Generalleutnant Lothar von Trotha, seinen als „Vernichtungsbefehl“ bekannt gewordenen Erlass: Jeder Herero innerhalb der deutschen Grenzen sollte erschossen werden, bewaffnet oder nicht. Im April 1905 ordnete von Trotha auch die Vernichtung der Nama an, die sich seit Oktober 1904 ebenfalls gegen die Kolonialherrschaft erhoben hatten. Überlebende beider Gruppen wurden in Konzentrationslagern interniert. Besonders berüchtigt war das Lager auf der Haifischinsel (Shark Island) bei Lüderitz, dessen Ausmaß die Forschungsgruppe Forensic Architecture gemeinsam mit Forensis und Nachkommen der Betroffenen rekonstruiert und dokumentiert hat: Schätzungen zufolge starben dort rund 70 Prozent der Gefangenen an Zwangsarbeit, Hunger und Krankheiten.
Bis der Krieg 1908 endete, wurden bis zu 80.000 Menschen getötet – etwa 80 Prozent der Herero und rund die Hälfte der Nama. Historiker:innen bezeichnen die Ereignisse heute mehrheitlich als Genozid; 2021 erkannte auch die deutsche Bundesregierung sie offiziell als Völkermord an.
HafenCity GmbH
Der Baakenhafen liegt im Verantwortungsbereich der HafenCity Hamburg GmbH, der städtischen Entwicklungsgesellschaft, die seit den 2000er-Jahren das gesamte Quartier auf ehemaligen Hafenflächen plant und vermarktet. Rund um das historische Hafenbecken sind bereits tausende Wohnungen und Arbeitsplätze entstanden; laut HafenCity GmbH sollen in den kommenden Jahren weitere rund 2.400 Wohneinheiten und über 2.000 Arbeitsplätze folgen. Die HafenCity GmbH selbst bewirbt den Ort auf ihrer Webseite als familienfreundlichen, urbanen Raum „in doppelter Wasserlage“.
Für die letzte große unbebaute Fläche in diesem Bereich, das Baakenhöft, ist inzwischen der Bau einer neuen Hamburgischen Staatsoper beschlossen, finanziert durch eine Schenkung der Kühne-Stiftung. Kritische Stimmen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft – darunter die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ – befürchten, dass mit der fortschreitenden Bebauung die letzte Möglichkeit verbaut wird, am historischen Ort selbst einen würdigen Erinnerungsort zu schaffen.
Die Politikwissenschaftlerin Tania Mancheno geht in ihrer Forschung noch einen Schritt weiter: Sie untersucht, wie sich koloniale Bildwelten nicht nur in der fehlenden Erinnerung, sondern auch in der Gestaltung der HafenCity selbst fortschreiben – etwa in maritim-nostalgischer Architektur, Straßennamen oder Geschäften wie dem „Hafenbasar“, die eine koloniale Ästhetik touristisch verwerten, statt sie kritisch einzuordnen. Für Mancheno zeigt sich am Beispiel der HafenCity exemplarisch, wie schwierig die Dekolonisierung des öffentlichen Raums in Hamburg bislang gelingt – ein Gedanke, der auch für die künstlerische Auseinandersetzung des Labs mit dem Ort zentral ist.
Erinnerungsort heute
Trotz seiner historischen Bedeutung ist der Baakenhafen bis heute eine erinnerungspolitische Leerstelle: Kein Hinweisschild, keine Tafel, kein Gedenkort erinnert vor Ort an die koloniale Kriegslogistik und den Völkermord an den Herero und Nama. Der Historiker Jürgen Zimmerer spricht in diesem Zusammenhang von „kolonialer Amnesie“, der Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha von „Entinnerung“ – einem aktiven, kultur- und erinnerungspolitischen Prozess, mit dem Ha die gesellschaftlich dominanten Interessen hinter dem Verschweigen kolonialer Geschichte beschreibt.
Dabei gibt es durchaus politische Bekenntnisse: Bereits 2014 hat sich die Hamburgische Bürgerschaft fraktionsübergreifend zu einem Neustart der postkolonialen Erinnerungskultur bekannt. 2018 entschuldigte sich Kultursenator Carsten Brosda anlässlich des Zweiten Transnationalen Herero- und Nama-Kongresses offiziell im Namen der Stadt für Hamburgs Rolle im Völkermord. Ein sichtbares, öffentliches Gedenken am historischen Ort fehlt bislang jedoch.
Wissenschaftler:innen wie Jürgen Zimmerer und Kim Todzi legten 2024 offiziell Einspruch gegen die aktuellen Bebauungspläne ein und fordern stattdessen ein Dokumentationszentrum am Baakenhöft. Genau in diesem Spannungsfeld – zwischen Bebauung, Verdrängung und dem Wunsch nach sichtbarer Erinnerung – setzt das de:colonial monuments lab an.
Literatur
- Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. München: C.H. Beck.
- Formen des Vergessens. Göttingen: Wallstein.
- Performative Begegnungen mit der Stadt. Der Spaziergang als kollektive Methode des Verlernens. In: do Mar Castro Varela / Haghighat (Hg.): Double Bind postkolonial. Bielefeld: transcript, S. 335–354.
- Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Frankfurt am Main: Campus.
- Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: transcript.
- Die fragile Erinnerung des Entinnerten. bpb, 23.10.2012.
- Der Hamburger Hafen und der deutsche Kolonialkrieg in Namibia 1904–1907. München: Allitera.
- Der Baakenhafen. Inszenierungsort für Vorstellungen von Deutschland als Kolonialmacht. In: Zimmerer / Todzi (Hg.): Hamburg. Tor zur kolonialen Welt. Göttingen: Wallstein, S. 67–81.
- Koloniales Erbe verhandeln. Frankfurt am Main: Campus.
- Die Stadt spielt Hafen. Über das koloniale Erbe der HafenCity. In: Zimmerer / Todzi (Hg.): Hamburg. Tor zur kolonialen Welt. Göttingen: Wallstein, S. 339–352.
- Dekoloniale Perspektiven. Widerständige nicht-weiße Erinnerungskultur. Hamburg: VSA.
- Silent memorylands. City brandings and the coloniality of cultural memory in the Hamburg HafenCity. In: Memory Studies 16 (4), S. 984–1002.
- Unternehmen Weltaneignung. Der Woermann-Konzern und der deutsche Kolonialismus, 1837–1916. Göttingen: Wallstein.
- Versiegelte Vergangenheit? Das koloniale Erbe des Baakenhafens in Hamburg. Geschichte der Gegenwart, 29.9.2024.
- Hamburg: Tor zur kolonialen Welt. Göttingen: Wallstein.